Achtzig Kilometer ohne eine einzige Hotelanlage — wilde Esel, leere Strände und ein Kloster ganz am Ende der Straße.
Wer Famagusta Richtung Nordosten verlässt, merkt bald, wie die Straße schmaler wird, die Dörfer seltener werden und irgendwann auch die Werbetafeln verschwinden. Die Anzeigen für neue Ferienanlagen, die einen die ganze Küste entlang begleitet haben, hören einfach auf. Hier beginnt die Karpaz-Halbinsel — ein langer, schmaler Landstreifen, der die Ostspitze der Insel bildet und zugleich ihr am wenigsten berührter Teil ist.
Eine Landschaft ohne Ferienanlagen
Die Halbinsel ist rund achtzig Kilometer lang, und der größte Teil davon liegt in einem Schutzgebiet. Hotelkomplexe und Liegenreihen gibt es hier nicht, gebaut wird nur im kleinen Maßstab — der Schutzstatus hält die Bautätigkeit in Grenzen, und so sieht die Landschaft ungefähr aus wie vor fünfzig Jahren. An der Küste wechseln sich leere Strände und felsige Abschnitte ab, im Landesinneren liegen Felder, Olivenhaine und ein paar stille Dörfer, zwischen denen man zwanzig Minuten fahren kann, ohne jemandem zu begegnen. Bis ans Ende der Halbinsel braucht man von Kyrenia etwa zweieinhalb Stunden, von Famagusta etwas weniger.
Die wilden Esel
Die bekanntesten Bewohner des Karpaz sind seine wilden Esel. Sie stammen von Haustieren ab, die nach 1974 zurückblieben, als sich die meisten Dörfer leerten. Seither haben sie sich frei vermehrt, heute leben mehrere Hundert auf der Halbinsel. Sie ziehen umher, wo sie wollen, oft direkt an der Straße, und sind längst an Autos gewöhnt — sie kommen ans Fenster und betteln um Futter.
Genau deshalb sollte man sie nicht füttern. Der Geschmack an menschlichem Essen verändert ihr Verhalten und bringt ihnen bei, auf der Fahrbahn stehen zu bleiben — das geht weder für die Tiere noch für die Fahrer gut aus. Anhalten, aus sicherer Entfernung fotografieren, weiterfahren: das reicht. Fahren Sie langsam, vor allem in der Dämmerung — dann stehen sie am häufigsten auf der Straße und sind am schlechtesten zu sehen.
Die Dörfer der Halbinsel
Der größte Ort ist Dipkarpaz, griechisch Rizokarpaso. Es ist einer der wenigen Orte im Norden, in dem bis heute eine kleine griechische Gemeinde lebt — ein paar Hundert Menschen mit eigener Kirche und Schule. Näher an Famagusta liegt Yenierenköy, das zweite Zentrum der Halbinsel, mit Läden und einer Tankstelle. In beiden Dörfern stehen alte Steinhäuser, und auf dem Platz sitzen die Männer schon am frühen Morgen vor dem Café. Essen kann man in kleinen Lokalen, die kochen, was gerade da ist — meist gegrilltes Fleisch, Salat und hausgemachtes Brot. Eine Speisekarte gibt es oft nicht, man fragt einfach nach. Gezahlt wird bar, in türkischen Lira, und mit Englisch kommt man nur bedingt weiter — die Leute sind aber hilfsbereit, und mit Händen und Füßen versteht man sich.
Das Kloster Apostolos Andreas
Ganz am Ende der Straße, dort, wo es nicht mehr weitergeht, steht das Kloster Apostolos Andreas. Es ist einer der bedeutendsten Wallfahrtsorte der Insel, und es kommen Gläubige von beiden Seiten der Trennlinie. Nach einer mehrjährigen, umfassenden Restaurierung ist es wieder zugänglich und in gutem Zustand. Im Inneren findet man eine Ikonostase und eine Stille, die nach zwei Stunden am Steuer fast unwirklich wirkt. Unterhalb des Klosters entspringt eine kleine Quelle — der Legende nach schlug der Apostel Andreas hier auf den Fels, damit eine Schiffsbesatzung zu trinken hatte, und das Wasser soll das Augenlicht zurückgegeben haben. Bis heute füllen Besucher hier ihre Flaschen.

Die Strände des Karpaz
Der bekannteste ist der Golden Beach — mehrere Kilometer goldener Sand mit echten Dünen, wo man selbst im August höchstens ein paar Dutzend Menschen trifft. Stiller und kleiner ist die Bucht Ronnas Bay an der Nordseite. Infrastruktur gibt es praktisch keine: am Golden Beach ein paar Holzbars, sonst nirgends etwas — Schatten, Handtuch und Wasser bringt man selbst mit. Der Grund fällt flach ab und der Sand setzt sich im Wasser fort, doch das offene Meer ist unruhiger als die Buchten bei Kyrenia. An diesen Stränden nisten Meeresschildkröten, weshalb einzelne Abschnitte im Sommer nachts gesperrt und die Nester mit Pflöcken markiert sind — bitte weiträumig umgehen und nicht anleuchten.
Natur im Jahreslauf
Im Frühjahr verwandelt sich der Karpaz. Im März und April blühen hier über vierzig wilde Orchideenarten, viele davon wachsen nirgendwo sonst als auf Zypern und finden sich am ehesten an den Feldrändern. Die Halbinsel ist außerdem eine wichtige Station für Zugvögel, die im Frühjahr und Herbst zwischen Europa und dem Nahen Osten hier durchziehen. Und wenn in den Dörfern die Lichter ausgehen, öffnet sich über dem Karpaz ein Himmel ganz ohne Lichtverschmutzung — einer der letzten dieser Art im Mittelmeerraum. Wer bis zum Abend bleibt, sollte an einem Feldweg halten und einfach eine Weile der Stille zuhören.
Wie man sich vorbereitet
Brechen Sie früh auf und planen Sie einen ganzen Tag ein, keinen Nachmittagsausflug. Tankstellen sind selten, also in Famagusta volltanken. Essen und Wasser gehören ins Auto, denn Restaurants gibt es nur in wenigen Dörfern, und außerhalb der Saison können sie geschlossen sein. Auf den Hauptstraßen genügt ein normaler Wagen, zu mehreren Stränden führt das letzte Stück aber über eine unbefestigte Piste — rechnen Sie mit langsamer Fahrt. Der Mobilfunkempfang fällt stellenweise aus: Laden Sie die Karte vorher aufs Handy.
Der Karpaz lohnt sich auch dann, wenn Sie im Norden Zyperns eine Immobilie suchen — er zeigt, wie die Insel aussah, bevor gebaut wurde. Bei der Wahl der Lage helfen wir von CyprusGlobal Ihnen gern.



